regie? für wen eigentlich?

Steht im Mittelpunkt des Theaters tatsächlich der (verwundete) Mensch und seine Geschichte(n)? Ist es die Aufgabe und Verantwortung der Theaterschaffenden, sich auf die politisch-poetische Situation des Menschseins, die „condicio humana”, zu konzentrieren und dem Einzelnen wie der Gruppe wieder zu Präsenz – Anwesenheit und Sichtbarkeit – zu verhelfen, eine Aura um das
(Da-)Sein wiederzuerschaffen, die religiösen und humanistischen Grundwerte wieder physisch fühl- und sichtbar zu machen?
In diesem überwiegend mit theaterfremden Menschen gestalteten Projekt ging es ganz be-
sonders darum, die beteiligten Menschen und ihre Geschichte(n) in den Mittelpunkt zu rücken.
Es galt, sie bei dem Versuch, gehört zu werden, den Mut und das Selbstvertrauen zu entwickeln,, sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen und sich vor anderen, die zuschauen, ganz
konkreten persönlichen und politischen Fragen zu stellen, zu unterstützen. Der Prozess rückte in den Vordergrund, das Ergebnis eines künstlerisch anspruchsvollen Abends blieb zwar im Blickfeld, wurde aber nicht zum Richtwert des „Erfolgs“ der künstlerischen Arbeit gemacht. Dieser Prozess war häufig chaotisch, anarchistisch, annähernd unmöglich, schien zum Teil mit einem Mangel an Disziplin, Aufmerksamkeit, manchmal sogar Interesse, einherzugehen. Die Phase des scheinbaren Mangels an klaren Strukturen war notwendig, um die Gruppe zum Hauptentscheidungsträger und Verantwortlichen für das Projekt zusammenwachsen zu lassen. Durch eine Anzahl persönlicher und gemeinschaftlicher Krisen entwickelte sich so nach und nach eine rücksichtsvolle und verantwortliche
Gruppe. Im Englischen nennt man diese Dynamik „The Group Mind”. „The Group Mind“, auf Deutsch, das Handlungsbewusstsein der Gruppe, wird in der angelsächsischen Theaterkultur sehr geschätzt: die Bereitschaft und der Wille der Gruppe zu kreativer Zusammenarbeit. Dazu gehören (und müssen geübt werden!!) wirkliches Zuhören, das sich Einlassen des Einzelnen auf das Fremde und Andersartige, der Mut, unvertraute Denk – und Arbeitsweisen auszuprobieren, und ein Grundvertrauen in die sich entwickelnden gruppendynamischen Selbstregulierungs-Mechanismen. Diese Erfahrung steht als Arbeitsergebnis im Mittelpunkt des kreativ-kollektiven Prozesses der letzten Wochen.

Verfasst von Sven Miller, Regie

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