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Bilderwahn
Folgender Text wurde vom Team der Galerie Eigenheim über die Ausstellung verfasst:
„Bilderwahn“ orientiert sich an dem Ausstellungcharakter des Pariser Salon aus dem 19. Jahrhundert. In dieser Art der Darbietung wurden massenweise Gemälde verschiedenster Künstler dicht nebeneinander gezeigt.
Zu jener Zeit fand in der Gesellschaft eine Entfremdung von der christlich-abendländischen Kultur statt. Dieser humanistisch individuelle Befreiungsschlag zog die Entwicklung einer großen Menge neuer Denkweisen und Standpunkte, zum Beispiel in der Kunst, nach sich. Der Salonstil war demgemäß eine Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel.
Baumgart zufolge übertrifft die Anzahl aller künstlerischen Erscheinungsformen des 19. Jahrhunderts das Schaffen sämtlicher früheren Jahrhunderte (Baumgart 1972, 265).
Vor diesem Hintergrund sind heutige Entwicklungen zu begreifen – das Zusammenrücken verschiedenster Kulturen, die Individualisierung des Einzelnen im Kontrast zur fortschreitenden Urbanisierung und die immer breiter werdende Masse an Möglichkeiten der Kunstproduktion und Meinungsäußerung.
Es könnte behauptet werden, dass sich die Produktionsmenge in den nächsten Jahrhunderten weiter potenzieren wird.
Nicht ohne Grund wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den Futuristen die Zerstörung der Museen gefordert. Bald danach wollten die Dadaisten die Kunst überhaupt abschaffen, was in den letzten Jahren erneut zum Programm vieler Richtungen von Anti- oder Nichtkunstbewegungen in aller Welt wurde. Diese nihilistischen „Kunstrichtungen“ haben derart viel Einfluss gewonnen, dass unter Produzenten und Konsumenten unheilvolle Verwirrung über Sinn und Wesen von Kunst entstanden ist. „Bilderwahn“ will sowohl die Irrgänge der neu entstandenen Ausdrucksweisen glätten, als auch Einblick in einen Bruchteil des aktuellen Kunstschaffens geben.
Weiterhin geht das Ausstellungskonzept auf aktuelle Entwicklungen der Wahrnehmungspsychologie ein: Das schnelle und effektive Herausarbeiten einzelner Bilder aus der Masse ist heute ein fester Bestandteil unseres visuellen Handelns geworden.
Die ästhetische Erfahrung kann nur Resultat eines Prozesses sein, in den sinnliche und emotionale Eindrücke, Erwartungen und Reflexionen einfließen. Wenn man dem Begriff der ästhetischen Erfahrung eine herausragende Bedeutung zuerkennen mag, muss dieser Vorgang mit immer neuen Erkenntnissen gefüttert werden und darf nicht auf der Ebene des Basalen und Alltäglichen verharren.
Es sind nicht Gegenstände die einfach da sind, es sind auch nicht Zustände oder Situationen, die uns in eine bestimmte Stimmung versetzen – es sind Tatsachen, die uns zum Verweilen anregen, da sie uns anstoßen.
Die angenehme Atmosphäre der „Galerie Eigenheim“ schafft den Freiraum für die ungestörte Auseinandersetzung mit der Flut an Bildern und bildet somit einen Kontrast zur Geschwindigkeit der Außenwelt.
Heute wird Kunst zu großen Teilen durch die Selektion von Galerien, Kunstmessen und Museen behauptet. Hier wird im Großen und Ganzen auch der Rezipient gefunden. Wie aber soll der Rezipient ein unverfälschtes umfängliches Bild der künstlerischen Tätigkeit erhalten, wenn der einzelne Künstler zuvor über den Markt- und Imagewert bestimmt wird?
Bei „Bilderwahn“ wird dem Besucher durch das bewusste Auslassen der Selektion – alle eingereichten Bilder wurden angenommen und ausgestellt – ein authentisches und vielseitiges Abbild des zeitgenössischen Kunstschaffens gezeigt.
Unserem Aufruf folgten 38 Künstler verschiedenster Entwicklungsphasen. Die Malereien eines Dozenten der Philosophie und Kunst hängen neben den Grafiken eines Gestaltungsstudenten, die Fotografien eines Architekten im Ruhestand neben den Zeichnungen eines freischaffenden Künstlers – das einzelne Bild in der Masse wird zum Ausdruck des individuellen Schaffens.
Bilderwahn ist Genuss an Kunst und Gesellschaft – zeitgemäß und doch geschichtsbezogen.
KB & DCT
Baumgart, Fritz. „DuMont‘s Kleine Kunstgeschichte“. Schauberg, Köln. 1972














